Geocaching in Estland und wie unser geliebtes Hobby uns für mehrere Stunden hinter Gitter brachte

Weiter geht die Reise! Sechs Tage lang sind wir auf Schatzsuche quer durch Weißrussland, Litauen, Lettland und Estland. Das Ziel St. Petersburg, die prächtige Zarenstadt in Russland. Im vierten Teil unserer Serie stellen wir euch heute Estland, den nördlichsten der drei baltischen Staaten vor.

Estland bietet optimale Voraussetzungen zum Cachen

Estland teilt eine ähnliche Geographie und Geschichte mit den anderen beiden Ländern des Baltikums Litauen und Lettland. Ethnisch, kulturell und auch sprachlich jedoch ist man mit den Finnen verwandt. Nahezu 50% des Landes ist bewaldet. Ein Traum für viele naturverliebte Geocacher. Im Vergleich dazu liegt der Waldanteil in Deutschland bei gerade mal 32%. Prädestiniert ist Estland zum Cachen auch wegen seines hohen Digitalisierungsgrades. In der Grundschule lernen die Schüler programmieren, die Steuererklärung wird online eingereicht, eine digitale Bürgerkarte ist Personalausweis, Führerschein und Versicherungskarte gleichzeitig. Die Digitalisierung ist kaum in einem Land der Erde weiter gediehen als in Estland. Das freut auch unsere Zunft von Geocachern. Vor allem diejenigen und das sind nicht wenige, die nur mit einem Smartphone bewaffnet zur Schatzsuche losziehen. Funklöcher beim Geocaching? In Estland Fehlanzeige! Ein hervorragendes LTE-Netz, selbst in den Tiefen des Waldes sorgt dafür, dass man die Koordinaten auch mit dem Smartphone immer zielsicher im Blick hat.

Geocaching Ländersouvenir Estland
Ländersouvenir Estland

Für das Finden eines Geocaches in Estland erhaltet ihr auch das entsprechende Ländersouvenir. Darauf zu sehen sind Teile der berühmten mittelalterlichen Stadtmauer Tallinns sowie der Turm der St- Olafs Kirche.

Hinter Gitter – Gefangen im Gulag von Rummu

Nach unserer Ankunft in der estnischen Sommerhauptstadt Pärnu gestern Abend und der unerwarteten Begegnung mit einem Elefanten mitten im Baltischen Meer, brechen wir heute früh auf, um das Land weiter zu erkunden. Natürlich stehen auch einige ausgewählte Caches auf dem Programm. Dabei sind wir vor allem auf einen interessanten Lost Place, einem verlassenen Gefängnis in der Nähe der estnischen Kleinstadt Rummu, gespannt. Die alte Strafanstalt ist unser erstes Ziel für heute. Später wollen wir nach Jägala an die Nordküste weiterfahren. Hier erwartet uns an einem über 50 Meter breiten Wasserfall ein clever ausgestalteter Earthcache, bei dem wir Millionen Jahre alten Fossilien auf die Spur kommen müssen. Zum Abschluss steht die estnische Hauptstadt Tallin mit ihrer reichhaltigen und wechselhaften Vergangenheit auf unserem Programm.

Nach etwa anderthalb Stunden Fahrt erreichen wir unser Ziel in Rummu und hätten es beinahe übersehen. Ein unscheinbarer kleiner Weg zweigt von der Hauptstraße ab und führt uns an einen geeigneten Ort um unseren Wagen zu parken. Vor uns erstreckt sich ein gulagartiger Komplex aus zerfallenen Gebäuden und alten Mauern. Das alte Gefängnis von Rummu. Beim weiteren Vordringen stoßen wir auf den Kern der ehemaligen Haftantsalt vor. Stacheldraht umzäunt die Gefängnismauern mit ihren Wachtürmen. Das Durchwandeln des Geländes und der Gebäude triggert in einem unweigerlich das Gefühl vergangener Jahrzehnte, als eine nicht unerhebliche Zahl an Strafgefangenen hier ihre Lebenszeit absitzen musste.

Das Gefängnis, das sich 45 km südwestlich von Tallinn befindet, stammt noch aus der Epoche der Sowjetunion in den 1940er Jahren. Es war eine berüchtigte und gefürchtete Strafanstalt in der die etwa 400 Insassen harte Arbeit in dem nahe gelegenen Kalksteinbruch ableisten mussten. Sowohl der Steinbruch, der im Betrieb ständig einsickerndes Wasser abpumpte, als auch das Gefängnis, fielen nach dem Zusammenbruch der UdSSR im Jahr 1991 an die neu gegründete unabhängige Republik Estland und wurden kurz darauf stillgelegt. Niemand kümmerte sich ab diesem Zeitpunkt mehr um die alten Anlagen und das Abpumpen des einsickernden Grundwassers in den Steinbruch, der sich infolge dessen mit Wasser füllte und sich schnell zu einem See verwandelte. Viele der alten Bergbaumaschinen und sogar einige der Gebäude wurden vom aufsteigenden Wasser verschluckt und liegen mittlerweile zum Teil oder ganz unter Wasser.

Heute sind Teile des ehemaligen Gefängnisses an Land zu sehen, und einige ragen aus dem kristallklaren Wasser des Sees heraus. Das ehemalige Gefängnis ist wegen seiner versunkenen Ruinen zu einem beliebten Ort für Taucher geworden aber auch Graffitikünstler und Geocacher suchen die ehemalige Strafanstalt regelmäßig auf. Zu letzteren reihen wir uns ein. Dieser Lost Place bietet neben einigen schönen Fotomotiven auch zwei Tradis Rummu tondilossid 1 (GC5805F) und Rummu tondilossid 2 (GC5ER30), die in den alten Gemäuern verborgen liegen.

Die Tradis  liegen jeweils außerhalb des Umzäunten Geländes des Kerngefängnisses. Falls ihr Lust bekommen habt Rummu einen Besuch anzustatten beachtet bitte, dass das Betreten des Umzäunten Bereichs selbst, ohne Genehmigung, ggf. gegen die örtlichen Gesetze verstößt.  

Naturgeschichte hautnah erleben am Jägala Wasserfall

Etwa 30 Km östlich von Tallin, entlang der Tallinn-Narva Bundesstraße, liegt in Jägala, Estlands höchster Wasserfall und das nächste Ziel unserer heutigen Geocaching-Tour. Nach dem Kurztrip ins Gefängnis und in die jüngere estnische Zeitgeschichte, tauchen wir nun in die millionenjahre alte Naturgeschichte der Region ab.

Jägala Wasserfall, Estland, Geocaching

Jägala Wasserfall bei unserem Besuch im Sommer

Mit einer imposanten Fließgeschwindigkeit zischen die schieren Wassermassen entlang von über 50 Metern über die Kalksteinklippe und prallen nach acht Meter mit einer ausgesprochenen Urgewalt auf das sich unter der Schlucht gebildete Becken. Der Kalkstein und das abfallende Wasser haben einen einzigartigen „Tunnel“ hinter dem Wasserfall geschaffen den man, mit einer gehörigen Portion Mut, auch nutzen kann, um vom einen auf das andere Ufer zu gelangen.

Doch der Wasserfall ist auch ein hervorragender Erzähler der Erdgeschichte in Form der hier vorzufindenden Fossilien, denen auch der Earthcache Jägala Waterfall / Jägala juga (GC641BG) gewidmet ist. Wir suchen und finden einige beeindruckende Exemplare dieser versteinerten Zeugnisse vergangenen Lebens. Unter anderem erblicken unsere Augen die zum Teil Millionen Jahre alten Abdrücke kleiner Kraken und Tintenfische sowie von Schnecken und Tausendfüßlern.

Ein Geheimtipp ist der Besuch des Wasserfalls übrigens im strengen baltischen Winter, wenn  das Wasser des Flusses Jägala vollständig gefriert und eine wunderschöne Komposition aus Eis bildet, die sich auf die über 50 Meter, entlang des Randes des Kalksteinabfalls, erstreckt. Der Jägala Wasserfall ist ein weiteres faszinierendes Beispiel für die wunderschöne Natur des Baltikums.

Jägala Wasserfall, Estland, Geocaching

Jägala Wasserfall im strengen baltischen Winter Quelle: Olga/ Олька, https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/legalcode

Tallin – Perle des Nordens zwischen Historie und Moderne

In Tallinn endet unsere Baltikumrundreise mit dem Mietwagen. Hier wird sich das Team auch wieder trennen. Allzweckkleber und Lupus werden morgen früh mit dem Bus weiter nach St. Petersburg fahren. AlexMainz wird sich auf den Weg nach Helsinki machen. War es in Weißrussland noch möglich über einen speziellen Erlass des Präsidenten unter bestimmten Voraussetzungen auch ohne Visum einzureisen, ist das in Russland leider nicht möglich. Die Abgabe des Mietwagens am Flughafen gibt uns die Möglichkeit, dort noch ein TB-Hotel (GC66NRN) in Form einer schönen großen Dose zu besuchen. 

TB-Hotel Geocaching, Flughafen Tallinn, Estland, GC66NRN

GC66NRN am Flughafen Tallinn

Zurück in die Stadt geht’s mit der Straßenbahn. Unser Nachtlager schlagen wir im Cozy City Apartments auf. Die Unterkunft im trendigen Rotermann Viertel und liegt keine 10 Minuten zu Fuß von der Altstadt Tallinns entfernt. Für einen Wochenend-Städtetrip zum Geocachen ist das Appartment vom Preis-Leistungsverhältnis auf jeden Fall zu empfehlen.

Tallinn, die Hauptstadt Estlands, erleben wir als eine kulturreiche und äußerst kosmopolitische Stadt, in der wir auf eine sehr spannende Mischung von alt und neu treffen. Das moderne Geschäftszentrum mit seinen Hochhäusern und Luxushotels, trendigen Stadtvierteln und großen Einkaufszentren bietet dabei einen aufregenden Kontrast zur spazierweit gelegenen historischen Altstadt aus der Zeit, zu der die Tallinn noch Reval hieß und eine Schlüsselstellung im Hanse-Bund einnahm. Sie gehört heute zu den besterhaltenen mittelalterlichen Altstädten Europas und wurde von der UNESCO 1997 auf die Liste als Weltkulturerbe aufgenommen. Ihr besonderer Zauber zieht uns schon nach kurzer Zeit in seinen Bann. Wir fühlen uns zurückversetzt in die Zeit der Hanse, als diese weitgehend den Handel Nordeuropas beherrschte. In ihrer Blütezeit war die Hanse so mächtig, dass sie zur Durchsetzung ihrer wirtschaftlichen Interessen Wirtschaftsblockaden gegen Königreiche und Fürstentümer verhängte und sogar Kriege führte. Von dieser Macht zeugen noch heute unzählige Bauten in der Altstadt Tallinns. Kleine Läden die Mittelalterzubehör verkaufen, prachtvolle Patrizier- sowie jahrhundertealte Gildehäuser, Galerien, Gasthäuser und selbst die Souvenirshops vermitteln den Mythos einer längst vergangenen Zeit. Mystisch und faszinierend. So wirkt Tallin auf viele seiner Besucher und auch auf uns. Selbst ein Gaukler ist auf dem Marktplatz vorzufinden und trägt zu einer authentischen Mittelalteratmosphäre bei. Dort auf dem Marktplatz liegt auch der Virtual Vana Tallinna nullpunkt /Zero Point of Old Tallinn (GC7B9RX) Kurzzeitig reise wir wieder ins hier und jetzt. Wir zücken unsere Smartphones und erfüllen die im Listing aufgeführten Logbedinungen. Danach tauchen wir erneut zurück in die Zeit der Hanse. Unser Weg führt uns auf einer alten Straße mit Kopfsteinpflaster weiter zur mittelalterlichen Festungsmauer der Stadt. Hoch oben von den Befestigungstürmen bietet sich uns ein herrlicher Ausblick auf die pittoreske Silhouette von Tallinn. Unser Abend endet in einer Seitengasse des Marktplatzes in einem mittelalterlichen Gasthaus bei reichlich Honigbier und Met.   

Geocaching, Tallinn, Estland, Stadtmauer

Aussicht von der historischen Stadtmauer auf Tallinn

Tallinn selbst ist es Wert für ein ganzes Geocaching-Wochenende besucht zu werden. Eine moderne, junge Stadt mit vielen historischen Einflüssen und dem internationalen Flair, dass die unzähligen Gäste der dort ankernden Kreuzfahrtschiffe mitbringen. Wir konnten in der kurzen Zeit die uns zur Verfügung stand leider nur einen kleinen Teil dieser trendigen Stadt erleben. Wir kommen sicher wieder. Aber morgen geht es erstmal weiter nach Russland in die prächtige Zarenstadt St. Petersburg an der Newa.

Ein Kommentar:

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