Geocaching in Litauen – Vilnius, 200 Seen, tausende Kreuze und das Gold des Baltikums

Nach der aufregenden Nachtfahrt im Zug erreichen wir Vilnius. Das Gleis ist mit Zäunen und Stacheldraht geschützt. Eine erneute Passkontrolle – uns wird sehr deutlich klar gemacht, dass Fotografieren hier nicht erlaubt ist!

Diesmal ohne Lupe und ohne ein Heer von Beamten, die jede Seite akribisch prüfen. Die Dame am Zoll widmet sich unseren Pässen nur wenige Sekunden und grüßt sehr freundlich.

Hurra, wir sind zu Hause in der EU!

Unseren Mietwagen holen wir am sehr überschaubaren und sehenswerten Flughafen ab. Seine Eingangshalle ist mit Stuck und korinthischen Säulen gestaltet.

In der Altstadt stärken wir uns mit einem Frühstück, denn für den Virtual Old Town under your feet GC7B9C5 benötigen wir Kraft, um den Turm der Johanneskirche zu erklimmen. Sie ist Teil der barocken Universitätsanlage. Kein Wunder also, dass im Turm ein Foucaultsches Pendel installiert ist, das uns beweist: Sie dreht sich immer noch!

Am Fuß des Turms noch der raffiniert versteckter Tradi Sv.Jonu baznycia/Church of Sts Johns GC3QEMX .

Wir schlendern weiter durch die Altstadt und werden zum ersten Mal auf das Gold des Baltikums aufmerksam.

Der Bernstein

Schon die alten Ägypter handelten auf der Bernsteinstrasse mit diesem Schmuckstein aus fossilem Harz mit seinen außergewöhnlichen physikalischen Eigenschaften. Das altgriechische Wort für diesen Stein ist ḗlektron (Hellgold) was nicht auf seine elektrostatischen Eigenschaften verweist, sondern auf dessen Farbe. Der Begriff Elektrizität entwickelte sich demnach aus dem altgriechischen Namen des Bernsteins auf Grund seiner Eigenschaften. Dass er zudem schwimmen und brennen kann, machte ihn im Altertum zu einem magischen Objekt. Einschlüsse von Pflanzen und Insekten machen ihn zusätzlich interessant und nahezu unbezahlbar. Eine weitere Eigenschaft kommt uns Geocachern entgegen, um Fälschungen zu entlarven. Er leuchtet unter UV-Licht blau.

Gleich drei Kirchen flankieren den Tradi Gotikos perlas/A pearl of Gothic GC3NGZ4 den wir auf dem Weg zum Kathedralenplatz entdecken. Auf dem Platz ein Telefonzellen-Cache 100 Lietuvos iškiliausių – Albertas Goštautas GC65HCA , der Earthcache I love Vilnius Earthcache GC6Z6PZ und die imposante St. Stanislaus Kathedrale mit seinem freistehendem Glockenturm.

Zwischen 200 Seen

Unsere Mittagsmahlzeit (Zeppeline) lassen wir uns in der Wasserlandschaft bei der spätmittelalterlichen Wasserburg Trakai schmecken. Diese touristisch geprägte Landschaft aus 200 Seen und grünen Inseln wirkt beinah künstlich und kitschig. Uns treibt es schnell weiter, denn wir müssen AlexMainz wieder auf seiner Visums bedingten Irrfahrt einfangen. Der Virtual Heart of Trakai GC7B9ZA und der Tradi in einer Holzstatue Vytautas The Great GC75ZNN sind daher schnell erledigt.

Šiauliai

In Šiauliai ist AlexMainz unterwegs, der aus Minsk mit dem Flugzeug ausgereist ist und in Riga einen Bus nach Šiauliai genommen hatte.

Šiauliai verfügt über eine große Busstation, Sehenswürdigkeiten sind allerdings eher rar.

Doch es gibt zwei besondere Caches, deren Besuch sich definitiv lohnt. Beide liegen nicht im Freien, sondern „inside“, nämlich in der Tourist Information und in einem privaten Architekturbüro. In beiden Fällen war der Empfang super freundlich und der Cachebehälter recht groß, so dass TBs und Coins ohne Probleme dort hinterlassen werden konnten:

Gemeinsam fahren wir weiter zu einem sehr beeindruckenden Ort, der 12km von Šiauliai entfernt liegt. Der Berg der Kreuze.

Der Berg der Kreuze

Als wir uns dem Doppelhügel, über den eine schmale Treppe aus Holzbohlen führt, nähern und die ersten der nicht mehr zählbaren Kreuze erkennen, werden wir immer leiser. Die von unzähligen Pilgern aus aller Welt hier aufgestellten Kruzifixe sind verbunden mit Dank, Wünschen und dem Gedenken an Verstorbene. Eine Woge von Emotionen lässt uns vollends verstummen.

Das vorab erworbene Wissen über die Entstehung und Geschichte dieses Ortes ist bereits bewegend.

Die Entstehungslegenden (die der Engelserscheinung eines Mannes dessen Tochter schwer erkrankt war und gesundete nachdem er ein Kreuz dort aufstellte und die eines Fürsten, der nach einem erfolgreich geführten Prozess, sein Versprechen einlöste hier ein Kreuz aufzustellen) rücken in den Hintergrund, wenn man von der Bedeutung des Berges als nationalen Widerstand erfährt.

Bereits 1830 wurde hier der getöteten bei Aufständen gegen die zaristische Herrschaft mit Kreuzen gedacht. Auch das Gedenken der Opfer des Kommunistischen Regimes ließ die Anzahl der Kreuze auf 2179 ansteigen.

Zwischen 1961 und 1975 wurden die Kreuze immer wieder mit Bulldozern niedergewalzt, zerschlagen und verbrannt. In denselben Nächten standen jedochimmer wieder neue Kreuze dort und der Ort gewann immer mehr an Bedeutung als Zeichen des Widerstandes!

In Gedanken geht nun jeder von uns alleine durch die von der Holztreppe abgehenden, Labyrinth-artigen Trampelpfade.

Zwischen großen, aufrecht stehenden Kreuzen stehen, liegen, hängen und türmen sich abertausende davon bis hin zu einer Größe von wenigen Zentimetern.

Ich erkenne die wichtigste Bedeutung dieses Ortes! Menschen bringen ihre Trauer, Sorgen, Wünsche, ihr Glück und ihren Glauben auf diesen Berg. Bilder und Aufschriften in allen Sprachen dieser Welt zeugen davon.

Ohne jedes Zeitgefühl schlendere ich staunend und mit wechselnden Emotionen umher. Umgestürzte und schon fast vollständig verrottete Exemplare machen mich nachdenklich. Selbst der Boden auf dem ich laufe scheint aus den Resten von Kreuzen zu bestehen. Ist es der richtige Ort für Dein mitgebrachtes Kreuz?

Das Auferstehungskreuz nach Martin Wagner habe ich ausgesägt, mit dem GC-Code PCKFTQ versehen und lackiert.

Seine Symbolik bedeutet mir sehr viel! Es zeigt nicht den sterbenden Jesus. Er fehlt und seine Silhouette bildet eine Lücke in dem Kreuz. Er ist auferstanden und durch das Kreuz blickend erkennt man ihn in vielen Dingen, Menschen und Begebenheiten.

Ich finde die Stelle an der es bleiben möchte! N56 00.923 E23 24.980

Unser Kreuz hat einen Platz gefunden


Lupus Hyacyntho und AlexMainz finden aus unterschiedlichen Richtungen kommend auch ein.

Still sprechen wir unsere Wünsche:

„Mögen noch viele Reisen uns solche Orte zeigen!“
„Lass uns immer wieder wohlbehalten nach Hause kommen!“
„Und schütze alle Geocacher auf ihren Wegen und beim discovern dieses Kreuzes!“



Vor der Weiterfahrt nach Norden widmen wir uns noch dem Cache The Hill of Crosses GC3X4CR, der unterhalb des dort für einen Besuch des Papstes Johannes Paul II aufgestellten Altares zu finden ist.

Nach einem solch bewegenden Besuch eine seltsam merkwürdig anmutende Tätigkeit.

Ein Kommentar:

  1. Pingback:Geocaching in Lettland: der ersten Weihnachtsbaum in Riga, eine weite Moorlandschaft und ein interessanter Lost Place - geoadventures.blog

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